Ordo Fratrum Minorum Capuccinorum

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updated 2:18 PM CEST, Aug 11, 2020

In einer aufgewühlten Nation schafft ein amerikanischer Bischof in Nicaragua eine Oase des Friedens

Inés San Martín, CRUX Taking the Catholic Pulse

Der Kapuzinerbischof

Siuna (Nicaragua). In einem ländlichen Gebiet, wo ein einzelner Priester Stunden aufwendet, um jede der 750 kleinen Gemeinschaften und 115 Pfarreien zu besuchen, da gibt es eine hochgewachsene Gestalt, der mit seinen Birkenstocksandalen und seinem weissen Camion beständig unterwegs ist.

Doch es ist ihm in dieser Situation durchaus wohl. Er arbeitet von einem kleinen Büro aus, das nicht grösser ist als ein kleiner Abstellraum. Er schläft in einem Zimmer, in dem der Platz gerade für das Bett und das Moskitonetz ausreicht. Ein Rucksack steht am Boden vor dem Bett, immer dazu bereit, mitgenommen zu werden.

Bischof David Zywiec ist polnischen Ursprungs; er wurde in Chicago geboren und im November 2017 von Papst Franziskus mit der Leistung der jüngsten Diözese von Zentralamerika beauftragt. Er ist Kapuziner, 71 Jahre alt und hat den grössten Teil seines Lebens als Missionar in dieser Gegend gewirkt.

Im Jahr 1975 ist er nach Nicaragua gekommen. Es war zur Zeit, als Luis Somoza, der Sohn des Anastasio Somoza, an der Regierung war. Die Dynastie der Familie Somoza reicht mehr als sechs Dezennien zurück.

Zywiec kam in der Nacht des 3. Januars auf dem Landweg in Managua, der Hauptstadt des Landes, an. Er wurde sofort eingesetzt und der Willkommensgruss bestand in der Vorahnung der Herausforderungen, die vor ihm standen. Erst eine Woche zuvor, während des Weihnachtsgottesdienstes, hatten die Sandinisten, die daran waren die Kontrolle über das Land zu übernehmen, einige Regierungsmitglieder entführt, was Somoza dazu bewog, eine Ausgangssperre zu verhängen.

Man kann mehr als vierzig Jahre später durchaus feststellen, dass sich in Nicaragua nicht viel verändert hat. Es gibt eine Bewegung der jungen Leute, die die Regierung des Daniel Ortega beseitigen möchten, der seinerzeit mit der Sandinistischen Nationalen Befreiungsfront den Sturz des Regimes von Somoza herbeigeführt hat. Wieder einmal hatte das Volk klare Stellung bezogen.

Zywiec war in seinem Vorgehen sehr klug. Er wusste, dass die Dinge schlimmer waren, als sie hätten sein müssen. Er traf auf eine innere Spaltung der Gläubigen und des Klerus. Es gab solche, die Somoza unterstützten, und andere waren dessen Gegner.

Wenn er die Situation erklären wollte, sagte er jeweils: „Schau die zwölf Apostel an. Jesus hat einen Menschen berufen, der für das römische Reich die Steuern eingezogen hat, und einen anderen, der ein Feind des Kaisers war. Jesus ist mehr als die Politik; genau das geschieht hier“.

Einer der Mitarbeiter des Bischofs hat gesagt: Zywiec musste lernen, mit der Regierung in Frieden zu leben, auch wenn er wusste, dass diese heute oder spätestens morgen ganz unten oder ganz oben stehen konnte“.

Anstatt die Teilung zu vertiefen hat Zywiec sich darauf konzentriert, Diener der Menschen zu sein. Papst Franziskus würde das so umschreiben. Ein Hirte mit dem Geschmack der Herde.

Zywiec wurde im Jahr 1974 zum Priester geweiht. Die ersten zwei Jahre in Nicaragua verbrachte er in Siuna, wo ein Priester mehr als 24 Stunden einsetzen muss, um mit dem Auto, mit dem Maultier oder mit dem Schiff die 750 kleinen Gemeinschaften zu besuchen. Ihm waren gleich miteinander 60 Gemeinschaften anvertraut worden. In diesen ersten Jahren bekam er mit, wie das Regime von Somoza die Sandinisten in den Dschungel trieben, wo er seinen priesterlichen Dienst zu leben versuchte. „Viele Leute wurden ermordet oder erschossen“, sagte er. Das behaupte nicht ich, aber nach dem Zeugnis vieler geschieht das heute noch. Siuna ist noch heute eine Hochburg des Regimes von Ortega. Die Beziehungen zwischen dem Bürgermeister, der zur Regierungspartei gehört, und dem Bischof sind gut. Ein Beweis dafür ist das Faktum, dass der Bürgermeister der Kirche Sicherheit zugesagt hat und so auch die Errichtung einer Kathedrale von 10.000 Quadratfuss möglich gemacht hat.

Das ursprüngliche Projekt sah geschätzte Kosten von 1,5 Millionen Dollar vor. Es wirkten zusammen die Pfarreien vor Ort und Hilfe von Aussen. Dazu gehört die päpstliche Stiftung in den USA, die päpstliche Stiftung zur Hilfe an Kirchen in Not und schliesslich die Hilfe der Bischofskonferenz der USA. Insgesamt kamen etwas mehr als die Hälfte der benötigten Summe zusammen.

Jede Pfarrei schickte Arbeiter, die beim Bau der Kathedrale zugriffen.; 25 Männer arbeiteten abwechslungsweise als Gruppe in zweiwöchigem Turnus an bestimmten Tagen auf dem Bauplatz der Kathedrale. Der grösste Teil des Materials für den Bau liegt auf dem Bauplatz, das ist bereits der erste Schritt. Das andere muss warten, bis der Rest der Summe zusammengekommen ist.

Zywiec kehrte im Jahr 2017 nach Siuna zurück. Zuvor hatte er sich in den achtziger Jahren 10 Jahre in Costa Rica aufgehalten, dann nahm er eine sechsmonatige Auszeit an der Universität Notre Dame und arbeitete dann zwei Jahre in einer Armenpfarrei Chicagos. Er kehrte nach Nicaragua zurück, um sich in der Diözese Bluesfields einzusetzen; sie gilt noch immer als eine der ärmsten. Zusammen mit seinem Chef, dem amerikanischen Kapuziner Pablo Ervin Schmitz hat er vor drei Jahren ein Projekt entwickelt, das die Diözese in drei neue Diözesen aufteilen sollte; es blieb dann wenigstens bei zweien.

Als man ihn 1974 bei seinem ersten Aufenthalt in Nicaragua danach fragte, gab er zur Antwort: „Nein!“ Er sagte es, obwohl er die Regierung immer wieder kritisierte. „Man hält dich für unschuldig, bis man bei dir eine Schuld feststellen kann. Also was dann“.

Damals übergab er seinem Bischof eine Liste von 200 Personen seiner Gemeinden, die verschwunden waren. Der Bischof beschloss daraufhin, ihn zu versetzen, bevor auch er auf der Liste erscheine.

Trotz der Vorbehalte des Bischofs hatte Zywiec - wie Crux sagt - keine Probleme mit den Leuten, allerdings gab es Probleme mit der amerikanischen Botschaft. Damals benutzten die USA die Missionare, um an Nachrichten heranzukommen. Er verweigerte die Zusammenarbeit zu der Zeit, in der die amerikanischen Streitkräfte das Gebiet, in dem er sich aufhielt, bombardierten .

„Ich habe ihnen gesagt, dass meine Eltern in Amerika Steuern zahlen und es schon komisch wäre, wenn sie es vergessen hätten, Steuern zu bezahlen für die Bomben, die ihren Sohn getötet hätten. Dabei arbeite er doch als Missionar im nicaraguanischen Dschungel“. Das sagte er dem amerikanischen Botschafter.

Auf das hin hätte er sich jedes Jahr zweimal mit einem Vertreter der CIA treffen müssen. Diesen Mann nannte er „schleimiger Schlamm“. (Slippery Jack).

„Ich war davon ausgegangen, dass die amerikanische Regierung mich unterstützen werde. Aber das haben sie nicht getan. Nach vier Jahren in Bluesfields ging ich nach Costa Rica, aber verliess es wieder, als sie in der Schweiz von Zentralamerika wieder genügend Priester hatten“.

Damals war Costa Rica das einzige Land Zentralamerikas, das nicht in einen Bürgerkrieg oder andere kriegerische Konflikte verstrickt war. Man hatte die Armee im Jahr 1949 aufgelöst und das Land kam von da an ohne Militär aus.

Als man sie für Bluefields bestimmte, übernahm Schmitz die Führung der Diözese, während Zywiec sich auf die Gemeinden um Siuna im Norden des Landes konzentrierte. „Heute habe er gemerkt, dass die Beschäftigung mit der administrativen Seite auch zur Pastoration gehöre“.

Mit einem bescheidenen, handgemachten Hirtenstab, versehen mit einer blauen Kordel, sieht Zywiec nicht aus wie ein gewöhnlicher Bischof. Er kennt beide Situationen: die des Fremden und die des Ansässigen. Er hat die Achtung der Herde, die ihm anvertraut ist, gewonnen; auch die der Priester. Sie nennen ihn „David“ und sind bereit. das zu tun, was er von ihnen erbittet.

Siuna ist nicht dicht besiedelt - ganz Nicaragua zählt kaum sechs Millionen Einwohner - aber die Diözese hat die Grösse der Niederlande.

Man schätzt, dass Siuna eine halbe Million Einwohner zählt, 70% davon sind Katholiken. Viele leben im Tag mit nicht mehr als einem Dollar. Trotz der schwierigen Situation gilt Siuna als sicherer Ort. Siuna ist die ganze Zeit am Rand des Bürgerkriegs, der im April seinen Anfang nahm, geblieben. Diese Situation geht zum grössten Teil auf das Konto des Bischofs. Als er die Spaltung der beiden Parteien in seiner Diözese kommen sah, überzeugte er die beiden, dass sie miteinander reden müssten. Dabei sollten die Nöte der einzelnen wie die politischen Leidenschaften der anderen gleich gewichtet werden. So berichtete ein Autofahrer am 22. November an Crux, wobei er darum bat, anonym bleiben zu dürfen, damit das mit allen Leuten erarbeitete Einverständnis unangetastet bleibt. Alle wie er selber gehören zur Equipe der Diözese.

„Die Krise in Nicaragua verlangt ihren Tribut“, pflegt er zu sagen. Man muss nur auf die Pflästerung der Strasse schauen, die eine ganze Reihe von naheliegenden Städten hätte verbinden sollen; im April wurden die Arbeiten eingestellt. „Unser Bischof hat uns gelehrt, wir sollten nicht durch unnötiges Klagen und Schimpfen die Sache verschlimmern“.

Die Leute der Region leben vor allem vom Ackerbau und der Aufzucht von Rindern. Vor der Krise fuhren jeden Tag ungefähr 80 mit Rindern beladenen Lastwagen nach Managua, heute sind es nur noch 8. Eine medizinische Klinik, die pro Tag 40 Patienten behandelte, versorgt heute nur noch die Hälfte der Patienten. Die Leute können die Grundtaxe von 2,50 Dollar für die Behandlung  nicht mehr bezahlen.

Die Gegend ist gebirgig; sie liegt um einen künstlichen See, den die Minenarbeit geschaffen hat. Eine lange Regenzeit macht die Stadt ähnlich einem Set der Filme von Indiana Jones.

Der Unterschied besteht darin, dass Siuna nicht am Verlottern ist, die Stadt ist ganz einfach arm und unterentwickelt. Sie hat aber einen Bischof, der vier Jahre vor seiner Pensionierung, noch immer kräftig vorangeht.

www.cruxnow.com

 

Letzte Änderung am Freitag, 01 März 2019 18:07