Ordo Fratrum Minorum Capuccinorum

Log in
updated 3:01 PM CEST, Jul 17, 2018

Karfreitagsliturgie: Gegen den Konformismus des Medienzeitalters

Marco Guerra – Città del Vaticano

Papst Franziskus hat am Nachmittag die Karfreitagsliturgie im Petersdom geleitet. Bei der Feier, die an das Leiden und Sterben Jesu am Kreuz erinnert, richtete der Prediger des Päpstlichen Hauses das Wort an Jugendliche und riet ihnen, einen umfassenden Blick auf die Liebe nach dem Vorbild Jesu zu entwickeln.

Zu Beginn der Kreuzanbetung warf sich Franziskus, wie es die Karfreitagsliturgie vorschreibt, zu Füßen des Altars nieder. Hier verweilte er einige Minuten lang betend.
Die Predigt hielt der Kapuzinerpater Raniero Cantalamessa. Er warnte in Zeiten gesteigerten Medienkonsums vor Konformismus, der „Anpassung an den Zeitgeist“. Jugendliche ermahnte er dazu, die genau entgegengesetzte Richtung einzuschlagen. „Habt den Mut, gegen den Strom zu schwimmen!“ Die entgegengesetzte Richtung, das ist für uns kein Ort, sondern eine Person, es ist Jesus, unser Freund und Erlöser.“

Besonders ein Auftrag sei der Jugend anvertraut: die Rettung der menschlichen Liebe vor dem Besitzdenken. Die Liebe Jesu am Kreuz sei als sich verschenkende Liebe hervorgetreten. „Es geht nicht darum, auf die Freuden der Liebe zu verzichten, auf die Anziehung und auf den Eros, sondern dem Eros die Agape zur Seite zu stellen und dem Begehren die Fähigkeit, sich dem anderen zu schenken“, sagte der Päpstliche Hausprediger. Diese Fähigkeit lerne man nicht an einem Tag, es brauche eine gute Vorbereitung in der Ehe oder im Ordensleben.

Für den Abend des Karfreitags steht der Kreuzweg am römischen Kolosseum auf dem Programm des Papstes. Die Andacht erinnert in 14 Stationen an den Leidensweg Jesu. In diesem Jahr stammen die Meditationen dazu von 15 römischen Jugendlichen. Das Gedenken an das Leiden und Sterben Jesu Christi, das die Päpste seit 1964 jeden Karfreitagabend beim antiken Amphitheater zusammen mit zehntausenden Gläubigen begehen, gehört zu den Höhepunkten der Osterfeierlichkeiten in Rom. Zum Abschluss spricht der Papst ein eigens verfasstes Gebet.

www.vaticannews.va

Foto – Youtube Vatican news

Herunterladen / Download

ItalianoInglesePolaccoSpagnoloFranceseTedescoPortoghese
DOCX Italiano DOCX Inglese DOCX Polacco DOCX Spagnolo DOCX Francese DOCX Tedesco DOCX Portoghese

 

P. Raniero Cantalamessa OFMCap

„ WER GESEHEN HAT, GIBT DAVON ZEUGNIS“

Predigt von Karfreitag 2018, in der Peterskirche

Als sie aber zu Jesus kamen und sahen, dass er schon tot war, zerschlugen sie ihm die Beine nicht, sondern einer der Soldaten stiess mit der Lanze in seine Seite und sogleich floss Blut und Wasser heraus. Und der es gesehen hat, hat es bezeugt und sein Zeugnis ist wahr. Und er weiss, dass er Wahres sagt, damit auch ihr glaubt (Joh 19, 33-35).

Niemand wird uns je überzeugen können, dass dieses feierliche Zeugnis nicht mit der historischen Wahrheit übereinstimmt, wer kann behaupten, dass der, der sagt, er sei dort gewesen und habe gesehen, in Tat und Wahrheit nicht dort gewesen und nicht gesehen hat. In diesem Fall geht es um die Ehre des Autors. Auf dem Kalvarienberg, zu Füssen des Kreuzes, war die Mutter Jesu und neben ihr „der Jünger, den Jesus liebte“. Wir haben einen Augenzeugen!

Er „hat gesehen“ nicht nur das, was unter den Blicken aller geschah. Im Licht des Heiligen Geistes, nach Ostern, hat er auch den Sinn dessen gesehen, was geschehen war: dass in diesem Augenblick das wahre Lamm Gottes geopfert wurde und sich der Sinn des alten Paschafestes erfüllte; dass Christus am Kreuz der neue Tempel Gottes war, aus dessen Seite, wie es der Prophet Ezechiel (47,1ff) vorausgesagt hat, das Wasser des Lebens entsprang; dass der Geist, den er im Augenblick des Todes aushauchte, eine neue Schöpfung begann, wie der „Geist Gottes“, auf den Wassern ruhend, am Anfang das Chaos in geordneten Kosmos verwandelt hatte. Johannes hat den Sinn der letzten Worte Jesu begriffen: „Alles ist vollbracht“.

Aber, fragen wir uns, warum diese unbegrenzte Zentrierung der Sinns auf das Kreuz Christi? Weswegen gibt es diese Allgegenwärtigkeit des Gekreuzigten in unseren Kirchen, auf den Altären und an den Orten, die die Christen aufsuchen? Einer hat einen Schlüssel für das Lesen des christlichen Mysteriums vorgeschlagen, dass Gott sich nämlich „sub contrario specie“ (unter gegenteiliger Gestalt), als die er in Wirklichkeit existiert, offenbart: er offenbart seine Macht in der Schwäche, seine Weisheit in der Torheit, seinen Reichtum in der Armut… Diesen Schlüssel des Verständnisses kann man nicht auf das Kreuz anwenden. Am Kreuz offenbart sich Gott „unter seiner eigenen Gestalt“, unter dem, was er ist, in seiner intimsten und wahrsten Realität. „Gott ist Liebe“, schreibt Johannes (1 Joh 4,10), sich verschenkende Liebe; allein am Kreuz wird deutlich, wie weit sich diese unendliche Fähigkeit der Selbsthingabe Gottes erstreckt. „Da er die Seinen, die in der Welt waren, liebte, liebte er sie bis zur Vollendung“ (Joh 13,1); „Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn in den Tod gab“ (Joh 3,16); „Er hat mich geliebt und hat sich selber wegen mir in den Tod (!) gegeben“ (Gal 2,20).

* * *

Im Jahr, in dem die Kirche die Synode über die jungen Menschen feiert und sie ins Zentrum der pastoralen Aufmerksamkeit stellen will, enthält die Gegenwart des Jüngers, den Jesus liebte, eine besondere Brisanz. Wir haben alle Gründe zur Annahme, dass Johannes sich Jesus angeschlossen hat, als er noch recht jung war. Er hat sich im eigentlich Sinn verliebt in Jesus. Alles andere war für ihn nicht mehr so wichtig. Es war eine „personale“, existentielle Begegnung mit ihm. Im Zentrum des Denkens von Paulus steht das Werk Jesu, das Geheimnis seines Todes und seiner Auferstehung, im Zentrum des Denkens von Johannes steht das Sein, die Person Jesu. Von ihm sagt er alle die „Ich bin es“ als ewigen Widerhall, auf den sein Evangelium so viel Gewicht legt: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“, „Ich bin das Licht“, „Ich bin die Türe“, oder einfach „Ich bin“.

Johannes war sehr wahrscheinlich einer der beiden Jünger des Täufers, der beim ersten Auftreten Jesu hinter ihm herging. Auf ihre Frage: „Rabbi, wo wohnst du?“ antwortete Jesus: „Kommt und seht!“ „Da gingen sie mit ihm und blieben diesen Tag bei ihm; es war am Nachmittag um die vierte Stunde“ (Joh 1,35-39). In dieser Stunde hat er seine Lebensentscheidung getroffen und er hat sie nie vergessen. Wir werden uns in diesem Jahr ganz entschieden bemühen müssen, mit den jungen Leuten zu entdecken, was Christus sich von den Jungen erwartet, was sie der Kirche und der Gesellschaft geben können. Wichtiger aber ist etwas Anderes: Die Jungen wissen zu lassen, was Jesus hat, das er ihnen geben kann. Johannes hat es entdeckt weil er ihm nahe stand: „Freude in Fülle“ und „Leben im Überfluss“.

Halten wir es, wie die Einladung des Heiligen Vaters in allen Reden über die Jungen und an die Jungen im Unterton durchklingt: „Ich lade jeden Christen ein, an welchem Ort und in welcher Situation er sich auch befinden mag, genau heute sein persönliche Begegnung mit Jesus Christus zu erneuern oder zumindest sich dazu entscheiden, die Begegnung mit ihm zuzulassen und ihn jeden Tag ohne Verzug zu suchen. Es gibt keinen Grund, weswegen einer denken könnte, diese Einladung gelte nicht ihm persönlich“ (Evangelii gaudium, Nr. 3). Auch heute können wir Christus persönlich begegnen, denn er ist auferstanden; er ist eine lebende Person, nicht eine blasse Figur. Nach dieser persönlichen Begegnung ist alles möglich; ohne ihn wird sich im Leben nichts verändern.

* * *

Der Evangelist Johannes hat neben dem Beispiel seines Lebens auch eine geschriebene Botschaft an die Jungen hinterlassen. In seinem Ersten Brief lesen wir die folgenden bewegenden Worte, in denen ein alter Mensch den Jungen der Kirchen, die er gegründet hat, Mut macht: „Ich schreibe euch Jungen, damit ihr stark seid und das Wort Gottes in euch bleibt und ihr den Bösen besiegt habt. Liebt die Welt nicht, und nicht die Dinge der Welt (1 Joh 2, 14-15).

Die Welt, die wir nicht lieben und der wir uns nicht angleichen sollen, ist nicht, wie wir wissen, die Welt, die von Gott erschaffen und geliebt wird. Es sind nicht die Menschen der Welt, denen wir immer entgegen gehen müssen, besonders die Armen, die Letzten. Das „Sich-Hineingeben“ in diese Welt des Leidens und der Ausgrenzung, ist die beste Art und Weise, sich von der Welt zu „trennen“, denn das heisst dorthin zu gehen, wovor die Welt mit all ihren Kräften zurückschreckt. Das heisst sich trennen vom Egoismus, dem Prinzip, das die Welt regiert.

Nein, die Welt, die man nicht lieben soll, ist eine andere; und die Welt wie sie steht unter der Herrschaft des Satans und der Sünde. Der Heilige Paulus nennt ihn „den Geist, der in den Lüften ist“ (Eph 2,1-2). Eine entscheidende Rolle spielt dabei die öffentliche Meinung, denn sie verbreitet sich durch die unendlichen Möglichkeiten der Technik im ganzen Äther. „Es legt sich ein Geist grosser historischer Intensität fest, dem sich der Einzelne nur schwer entziehen kann. Man hält sich an den allgemeinen Geist, der sich als selbstverständlich präsentiert. Handeln oder Denken oder etwas gegen ihn zu sagen, erachtet man als unvernünftig oder gar als Ungerechtigkeit und als Delikt. Dann wagt man es nicht mehr, sich diesen Dingen und Situationen entgegenzustellen, und vor allem auch nicht dem Leben, das anders ist, als es dargestellt wird“.

Was wir dann als Anpassung an den Geist der Zeit benennen, ist in Wirklichkeit Konformismus. Ein grosser gläubiger Dichter im vergangenen Jahrhundert, T.S. Eliot, hat drei Verse verfasst, die mehr sagen als ganze Bücher: „In einer Welt von Flüchtlingen scheint der, der in die Gegenrichtung läuft, ein Deserteur zu sein“: „Liebe junge Christen, wenn ich als alter Mensch mich wie Johannes direkt an euch wenden darf, dann ermahne ich euch: Habt den Mut, gegen den Strom zu schwimmen! Die entgegengesetzte Richtung ist für uns nicht ein Ort, es ist eine Person, es ist Jesus, unser Freund und Erlöser.


Eine besondere Aufgabe ist euch anvertraut: die menschliche Liebe aus dem tragischen Irrweg, in den sie geraten ist, zu retten: Es geht um die Liebe, die nicht mehr Selbsthingabe ist, sondern nur noch den anderen besitzen will - oft tyrannisch und mit Gewalt. Am Kreuz hat Gott sich als Liebe (agape) zu erkennen gegeben, als Liebe, die sich verschenkt. Aber die agape ist nie vom eros getrennt, von der Liebe des Suchens, der Sehnsucht und von der Liebe seinerseits geliebt zu werden. Gott schafft nicht nur die caritas, uns zu lieben; in der ganzen Bibel zeigt er sich uns als einer, der begeht, als verliebter und eifersüchtiger Bräutigam. Seine Liebe ist auch „erotisch“, im guten Sinn dieses Wortes. Das hat Benedikt XVI. in der Enzyklika „Deus caritas est“ näher erklärt.

„Der Eros und die Agape - die aufsteigende und die absteigende Liebe - lassen sich nie vollständig von einander trennen (…). Der biblische Glaube konstruiert nicht eine parallele Welt oder eine Welt, die sich bezüglich dem ursprünglichen menschlichen Phänomen der Liebe eine Gegenwelt aufbaut. Im Gegenteil, sie nimmt den ganzen Menschen an und schaltet sich ein bei seiner Suche nach der Liebe, sie reinigt sie und eröffnet ihr neue Dimensionen“ (Nr. 7-8). Es geht also nicht darum, sich die Freude an der Liebe, an der gegenseitigen Anziehung und am Eros nehmen zu lassen; es geht darum, den Eros mit der Agape, mit der Sehnsucht nach dem anderen und mit der Fähigkeit sich dem anderen zu verschenken zu vereinen; dabei können wir an das denken, was der heilige Paulus als Wort Jesu weitergibt: „Es macht mehr Freude zu geben als zu nehmen“ (Apg 20,35).

Diese Fähigkeit entdeckt man nicht an einem Tag. Man muss sich vorbereiten, wenn man in der Ehe sich selber an ein anderes Geschöpf verschenken will oder an Gott im Ordensleben. Beginnen muss man damit, dass man anfängt, seine eigene Zeit zu verschenken, auch sein persönliches Lächeln und seine Jugendlichkeit in der Familie, in der Pfarrei, im Freiwilligeneinsatz. Das tun ja viele von euch in aller Stille.

Jesus hat uns am Kreuz nicht nur das Beispiel seiner liebenden Hingabe bis zum bittern Ende gegeben; er hat uns die Gnade erworben, dass auch wir in unserem Leben in kleinsten Teilen die Gnade umsetzen können. Das Blut und das Wasser, das seiner Seite entsprungen ist, kommt heute zu uns in den Sakramenten der Kirche, im Wort, im Gekreuzigten, wenn wir gläubig zu ihm aufblicken. Etwas Letztes hat Johannes unter dem Kreuz gesehen: Männer und Frauen aus allen Zeiten und Orten, die ihren Blick auf den richten, der „durchbohrt wurde“ und sie weinen aus Reue und zum Trost (Joh 19,37; Zach 12,10). Mit ihnen werden wir uns bald in den Gesten der Liturgie.

Letzte Änderung am Donnerstag, 12 April 2018 15:48