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updated 9:22 PM CEST, Sep 20, 2017

Zwei Gesichter des einen Charismas

Empfehlung Zwei Gesichter des einen Charismas

Rundbrief des Generalministers an die Klarissen Kapuzinerinnen

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Zwei Gesichter des einen Charismas

Rundbrief des Generalministers an die Klarissen Kapuzinerinnen

Rom,  25.  März 2017
Fest der Verkündigung des  Herrn

Liebe Schwestern,

Der Herr gebe euch seinen Frieden!

Mein Brief richtet sich in erster Linie an euch, Schwestern, denn er handelt von eurem Leben. Zuallererst wünsche ich, Gott zu danken für eure Präsenz und für euer kontemplatives Zeugnis, das zu uns spricht von einer tiefen und ganzheitlichen Suche nach dem Antlitz Gottes. Mit eurem Leben seid ihr ein Geschenk für die ganze Kirche und ganz besonders für unsere Kapuzinerfamilie. Wie stünde es mit unserer Sendung ohne die ständige Unterstützung durch euer treues Gebet, ohne eure diskrete, kostbare Präsenz an unserer Seite?

Ich möchte euch im folgenden einige Gedanken für euer Nachdenken vorlegen. Ich bin mir bewusst, dass für euch die gegenwärtige Zeit eine besondere Zeit der Gnade darstellt. Nach der Apostolischen Konstitution „Das Antlitz Gottes suchen“ steht euch eine besonders herausfordernde Aufgabe bevor: Es ist die Arbeit an eurer Grundgesetzgebung, mit der ihr eben begonnen habt.


1.        Zwei Seiten des einen Charismas

„Der  Sohn Gottes hat sich zu unseremWeg gemacht;
und diesen zeigt uns und lehrt uns unser seliger Vater Franziskus
mit Wort und Beispiel“
(Hl. Klara, Testament 2).

1.  Die Heilige Klara war ganz besonders darauf bedacht, den Heiligen Franziskus als Gründer zu verstehen. Sie hat sich  dafür eingesetzt, dass die Kirche die Armen Schwestern offiziell als Teil der Familie der Minderen Brüder betrachtet hat. Gewiss, Franziskus ist ein Gründer von eigenem Gepräge. Er hat keine präzisen Vorschriften erlassen, er hat bloss einen Raum der Brüderlichkeit eröffnet und einen spirituellen Weg aufgezeigt (vgl. Heiliger Franziskus, Lebensform für die Hl. Klara; Heilige Klara, Regel der Armen Schwestern VI, 3-4). Er war Gründer nicht in dem Sinn, dass er wie ein Patriarch für seine Töchter Regeln formuliert hätte; er war ein Bruder, der mitging, der die Schwestern frei und autonom handeln liess, der sein Vertrauen auf  ihre Reife setzte und auf ihre Fähigkeit, sich dem Heiligen Geist zu öffnen.


2.  Die Beziehung zwischen Franziskus und Klara war von Grund auf geprägt durch „comunio“  unter ihnen, im Bewusstsein dass sie zwei verschiedene Gesichter desselben Charismas lebten. Diese Beziehung am Anfang bestimmt auch den Bezug unserer Orden. Das Versprechen des Gründers, dass er sich brüderliche um sie sorgen wolle, wie er das auch seinen Brüdern gegenüber tat, bildet heute eine Motivation für unsere gegenseitige Nähe. Wichtig ist nicht in erster Linie die juridische  Anbindung, wichtig ist die pastorale Sorge, d.h. der priesterliche Dienst der Kapläne und Beichtväter. Was zwischen uns vor allem nötig ist, ist die gegenseitige, geschwisterliche Anbindung.


3.  Unsere Kapuzinerreform war getragen von einem starken Verlangen, zur ursprünglichen Intention des heiligen Franziskus zurückzukehren. In den ersten Jahren wollte man sich nicht auf die Sorge um die Nonnenklöster einlassen. Das galt als feste, fixe und heikle Aufgabe, die der Armut und der Itineranz widersprach. So haben die ersten Konstitutionen unserer Reform in absoluter Weise verboten, solche Aufgaben zu übernehmen (vgl. Konstitutionen der Kapuziner von 1536, Kapitel XI). Die ehrwürdige Lorenza Longo hatte ein wahres „Wunder“ zustande gebracht, als sie im Jahr 1538 erreichte, dass der Papst im Jahr 1538 das Kloster von Neapel anerkannte. Es war bereits im Jahr 1535  approbiert worden, stand unter der ersten  Regel der Heiligen Klara und war dem Kapuzinerordeen aggregiert (vgl. Papst Paul III, Motu proprio „Cum Monasterium“, 10. Dezember 1538). Die Inspiration von Mutter Lorenza und ihr Einsatz ermöglichten der Kapuzinerreform, die zwei Gesichter des gleichen Charismas zum  Ausdruck zu bringen.


4.  Nach fast fünfhundert Jahren können wir uns heute fragen, ob unsere Beziehung sich an der Geschwisterlichkeit festmacht oder ob es für uns wichtiger ist, auf juridische Abhängigkeit, priesterlichen Dienst oder Ausbildung zu setzen. Geben wir der Unentgeltlichkeit der Beziehungen den Vorrang? Gehen wir gleichberechtigt miteinander um? Sind wir dazu fähig, unsere Erfahrungen miteinander zu teilen? Dienen wir uns gegenseitig? Warum fällt es uns so schwer, uns untereinander Bruder und Schwester zu nennen und nicht Pater, Mutter? Stehen wir wirklich auf dem Boden unserer ursprünglichen Identität?


2. Reflex des Gottes „Comunio“

„Forme deine ganze Person  durch die  Beschauung in  das Bild seiner Gottheit um“
(Hl. Klara III. Brief an die Hl. Agnes 3)

1.  Das 2. Vatikanische Konzil hat die Theologie und die Spiritualität der „comunio“ wieder in die Mitte der Sendung und des Lebens der Kirche gerückt. Nach dem Bild der gegenseitigen „comunio“ in Liebe, die die Heilige Dreifaltigkeit lebt, ist die Kirche dazu berufen, ein Spiegel für die Einheit in Verschiedenheit zu sein und diese zu verwirklichen in der „comunio“ der geschwisterlichen Liebe (vgl. Papst Johannes Paul II., Zu Beginn des neuen Jahrtausends 43). Es geht um eine Einheit, die nicht Einförmigkeit bedeutet. „Das Modell ist das Polyeder, welches das Zusammentreffen aller Teile wiedergibt, die in ihm ihre Eigenart bewahren“ (Papst Franziskus, Die Freude des Evangeliums).

2.  Die Realität der kulturellen Wandels, der heute im Gange ist, verbunden mit einem weltweiten Prozess einer stets wachsenden Säkularisation, stellen die grundlegenden Daten des menschlichen Wesens in Frage: die Quelle seiner Würde, die Sexualität, die Familie, die sozialen Rollen. Die „Gender“-Ideologie,  die sich in den verschiedensten  sozialen Netzwerken ausbreitet, bringt unsere traditionelle Art und Weise das Leben zu verstehen in Krise. Neben dieser allherrschenden Kultur - mindestens in vielen Staaten - bringt es der Prozess der Migration mit sich, dass die kulturelle Verschiedenheit zu einer Realität wird, die auf den Strassen der Städte lebt und sich auswirkt. Deshalb kommt, wenn man der Gefahr der Ghettobildung wirksam begegnen will, dem interkulturellen Dialog eine unabdingbare Dringlichkeit zu .

3.  Auch wir können Gefahr laufen, zu einem „Ghetto“ zu werden, zu einer geschlossenen Kultur mitten in einer Welt, die eine „andere Sprache“ spricht; das geschieht, wenn wir nicht über die menschliche und spirituelle Fähigkeit zum Dialog verfügen. Heute ist der Dialog das unverzichtbare Mittel, mit dem wir die konkreten Wege der „comunio“  beschreiten.


4.  Wir sind aufgerufen, die Herausforderungen der zeitgenössischen Kultur zu vertiefen und uns dabei vor allem an die interkulturellen Erfahrungen zu halten, wie sie in unserem Orden bereits wirksam sind. Unser Charisma der Geschwisterlichkeit kann ein schönes Beispiel dafür bieten, wie man die „comunio“ in der Welt von heute verwirklichen kann. Bei dieser „comunio“ geht es darum, dass sie Frucht eines Dialogs in Schweigen und Hören ist und auch Frucht eines spirituellen Lebens, das in der Liebe Gottes begründet ist.

5.  Das führt uns dazu, dass wir uns fragen: Können wir die Kultur der anderen für wertvoll halten oder beurteilen wir alles von der kulturellen Überlegenheit her, die wir für uns in Anspruch nehmen. Sind wir bereit, von anderen Kulturen zu lernen, in denen das Charisma sich auch entwickelt hat und gelebt wird? Machen die Verschiedenheiten uns Angst? Üben wir uns im Dialog, beginnen wir damit bereits in der Hausgemeinschaft? Sind wir bereit, uns die notwendige Zeit zu nehmen, um uns gegenseitig zu hören und bemühen wir uns die Einheit in der Verschiedenheit zu fördern.


6.  Der Dialog ist in dieser Welt des Wandels ein unverzichtbares Mittel. Auch auf der spirituellen Ebene ist ein heiterer und tiefer Dialog ein klares Zeichen für die Qualität des kontemplativen Lebens und seiner Fähigkeit zum Wandel, die uns zu einem Reflex Gottes macht.


3. Eine Reise kann das Charisma wiederbeleben

„Sei eingedenk Deines Vorsatzes…
und blicke wie eine zweite Rachel stets auf deinen Anfang.
Was du hältst, das tue weiter und lass nicht ab;
In raschem Lauf, mit leichtem Schritt und ohne mit dem Fuss anzustossen,
so dass Deine Schritte kaum Staub aufwirbeln.
Sicher, freudig und munter
schreite achtsam voran auf dem Weg der Seligkeit.
(Hl. Klara, 2. Brief an die Hl. Agnes 11-13)

1.  Die internationale Begegnung der Kapuzinerinnen im Jahr 2016 in Città del Messico erwies sich als wahrer und lebendiger Ausdruck unserer Orden, die in „comunio“ miteinander verbunden sind. Sie liessen sich auf einen interkulturellen Dialog ein, der die Einheit in Verschiedenheit gestärkt hat. Die Präsidentinnen, die Assistenten und die anderen Teilnehmer, wir alle, wir haben mit grossem Einsatz gearbeitet, beim Aufeinanderhören, im Dialog, in der aktiven Teilnahme und in kritischem Austausch. Dabei haben wir nach klaren Leitlinien gesucht, die den Weg der nächsten Jahre begleiten sollen; besondere Aufmerksamkeit galt der Revision eurer Konstitutionen.


2.  Wir haben uns vorgenommen, „die Vitalität beim Leben des Charismas wiederzugewinnen. Das soll geschehen durch die Revision der Konstitutionen, wobei die Struktur des Textes bewahrt werden soll, mit einer besonderen Aufmerksamkeit für jene Punkte, die auf Grund unserer Erfahrungen eine angemessene Neuformulierung erfordern“ (Übereinkunft der 2. Internationalen Begegnung der Kapuzinerinnen, Übereinkunft 1, Allgemeines; Messico 2016).

3.  Die 2. Internationale Begegnung hat deutlich gezeigt, dass ihr, d.h. all eure Schwestern Reife zeigt. Wir haben euch gedankt für die Art und Weise, mit der die Föderationen nach dem 2.  Vatikanischen Konzil ein grosses Wegstück zurückgelegt haben. Es waren Wege der Erneuerung, der Zusammenarbeit zwischen den Klöstern, der Ausbildung und der „comunio“. Die Früchte der Ausbildung in den letzten Jahren, besonders jener Schwestern, die in Rom studiert haben, sind gut greifbar und werden sichtbar als qualifizierter Beitrag. Aber was noch wichtiger ist: Man spürt den Wunsch, die Ausdrucksweisen des Charismas neu zu beleben.


4.  Die Kirche fordert euch heute auf: „Seid Leuchttürme für die in der Nähe und vor allem für die in der Ferne. Seid Fackeln, die in der dunklen Nacht unserer Zeit den Weg der Männer und Frauen begleiten. Seid Wächterinnen des Morgens, die den Aufgang der Sonne ankünden. Mit eurem verklärten Leben und mit einfachen Worten im Schweigen erwogen, verkündet ihr den, der Weg, Wahrheit und Leben ist, den einzigen Gott, der unserer Existenz Fülle schenkt und Leben im Überfluss gewährt. Ruft uns zu wie Andreas und Simon: „Wir haben den Herrn gefunden!“ Verkündet wie Maria Magdalena am Morgen der Auferstehung: „Ich habe den Herrn gesehen!“  Haltet lebendig die prophetische Dimension der Existenz, die euch geschenkt wurde. Fürchtet euch nicht, entsprechend eurem Charisma die Freude des Evangeliums zu leben“ (Papst Franziskus, Das Angesicht Gottes suchen 6“).


5.  Nach dem grossen Geschenk der Apostolischen Konstitution für das Kontemplative Leben, dass Papst Franziskus uns gemacht hat, ist es nun Zeit, dass wir vorwärts gehen und die erste Aufgabe in  Angriff nehmen, wie sie an der Internationalen Begegnung sich herausgeschält hat: Das Projekt der Revision der Konstitutionen. Wir verfügen jetzt über mehr Klarheit und Sicherheit, den vor uns liegenden Weg zu gehen. Allerdings warten wir noch auf die Instruktion der Kongregation für das Gottgeweihte Leben; nachher werden wir „Antlitz Gottes“ in die Praxis umsetzen können. Wir sind aber schon jetzt im Stande, die erste Etappe des Revisionsprozesses an die Hand zu nehmen. Auch wenn wir noch nicht so weit sind, dass wir uns auf das Abfassen des Textes konzentrieren könnten, so seid ihr doch aufgefordert, eure Erfahrungen, die besondere Beachtung verdienen, festzuhalten, die „Spannungen“ festzuhalten, die gründlich erfasst werden und auf die in besonderer Weise zu reflektieren ist.


6.  Eine vorbereitende Kommission oder Vor-Kommission - sie setzt sich aus acht Schwestern, die die verschiedenen Weltgegenden repräsentieren, zusammen - hat bereits gearbeitet und bietet euch eine Anleitung an. Sie sind daran, ein „Instrumentum laboris“zu erarbeiten, in dem sie euch eine Reihe von Fragen vorlegen. Es ist sehr wichtig, dass ihr sie festhaltet, dass  ihr  persönlich oder als Gemeinschaft darüber nachdenkt.


7.  In diesen Prozess sollen wir alle Schwestern und alle Klöster miteinbeziehen. Jede einzelne Schwester und jede Äbtissin ist mitverantwortlich für die Revision. Die Föderationen haben die grosse Aufgabe, den Prozess in Gang zu bringen und zu begleiten. Das „Instrumentum laboris“ ist recht flexibel und jede Föderation kann in Übereinstimmung mit ihrer eigenen Situation jene Vorgehensweise wählen, die ihr eine angemessene Beschäftigung mit der Reflexion und den Fragen erlaubt. Die bis jetzt nicht angeschlossenen Klöster sind eingeladen ihren eigenen Beitrag zu leisten;  die Kommission wird ihre besondere Situation berücksichtigen.


8.  Welche Erwartungen weckt in euch dieser Weg? Was für Ängste und Besorgnisse kommen bei euch hoch? Mit welchem Engagement macht ihr euch auf den Weg? Mit dem Blick auf das, was Klara und die Kapuzinerinnen getan haben, laden wir euch ein, mit vertrauensvollen Schritten vorwärts zu gehen, wobei ihr euch vom Geist des Herrn und von seinem heiligen Wirken führen lassen könnt.


4. Weg - pace e bene

„Es ist ein fortschreitender Prozess, es ist eine langsame und anstrengende Aufgabe, die verlangt, dass wir uns integrieren und bereit sind, eine Kultur der Begegnung in einer vielgestaltigen Harmonie zu entfalten“
(Papst Franziskus, Evangelia Gaudium 220)


1.  Die Revision eurer Konstitutionen können wir verstehen als einen gemeinsamen Weg der Weiterbildung, als ein wahres Suchen nach dem Gemeinwohl des Ordens und als Aufbau der „comunio“. Nicht nur das Ziel ist wichtig, das wir erreichen wollen; nicht weniger wichtig ist die Art und Weise, wie wir den Weg gehen wollen. Es wäre gut, ihn so zu gehen, dass wir ihn als Bildungsprozess verstehen, der persönliche Überlegungen, Miteinander-Teilen und schriftliche Beiträge umfasst, wobei wir darauf aus sind, das Feuer des Charismas neu zu entdecken.


2.  Papst Franziskus hat in kluger Weise auf vier Prinzipien hingewiesen, mit deren Hilfe die „comunio“ auf dem Weg des sozialen Friedens und in der Suche nach dem Gemeinwohl (vgl. Papst Franziskus, Evangelii Gaudium 217-237) zu verwirklichen ist; das bildet die Basis einer Kultur der Begegnung. Wir können uns der Führung dieser Prinzipien überlassen, wenn wir jetzt über das „Instrumentum laboris“ reflektieren und uns Fragen stellen.

2.1    „Die Zeit übertrifft den Raum“. Dieses Prinzip legt das Gewicht auf die Notwendigkeit, den     Prozessen Zeit zu lassen, damit sie sich angemessen entwickeln können, ohne dass wir         gleich unmittelbare Resultate erwarten. Es ist nicht vorrangig, richtige Antworten zu geben,     wichtig ist es die angemessenen Fragen zu stellen, miteinander zu überlegen, sich mit der         Erfahrung auseinander zu setzen, zu einer übereinstimmenden Meinung zu kommen. (vgl.     Papst Franziskus, Evangelii Gaudium 222-225).

2.2    „Die Einheit hat den Vorrang vor dem Konflikt“. Differenzen sind unvermeidlich; oft sind
    sie der Grund für Konflikte. Diese muss man annehmen, ertragen und so mit ihnen         umgehen, dass sie sich wandeln in einen Prozess des Friedens und der „comunio“. Auch die     Verschiedenheiten der Vorstellungen und der Sensibilitäten sollten in Heiterkeit ihren         Ausdruck finden und sich in einer höheren Einheit wiederfinden (vgl. Papst Franziskus,         Evangelii Gaudium 226-230).

2.3    „Die Wirklichkeit ist wichtiger als die Idee“. Die Ideen sind nur Instrumente, mit denen wir     die Realität verstehen und lenken. Es kann gefährlich sein, sich in einer ideologischen Welt     zu bewegen, in der allein das Wort, die Rhetorik gelten und nicht wahrzunehmen, was im         Konkreten geschieht. Bei unseren Antworten und Vorschlägen sollen wir nicht vergessen,     mit den Füssen auf dem Boden  zu bleiben (vgl. Papst Franziskus, Evangelii Gaudium         234-237).

2.4    „Das Ganze ist dem Teil überlegen“. Diese letzte Prinzip macht uns bewusst, dass wir das     Einzelne nur in Bezug auf das Globale denken sollen, das Lokale nach dem Universalen,         unsere eigenen Erfahrungen in den Bezug auf die Herausforderungen der ganzen Kirche. Es     besteht eine Spannung zwischen der Inkulturation vor Ort und einer gesunden             Globalisierung. Das Leben der Gemeinschaft spielt sich zwischen konkreten Anforderungen     ab und dem Verständnis dafür, dass wir ein internationaler Orden sind, der auf             verschiedenen Kontinenten präsent ist. (vgl.     Papst Franziskus, Evangelii Gaudium         234-237).

3.  Sind wir dazu disponiert, Zeit für die Reflexion, für den Dialog, für die Begegnung anzunehmen und zu geben? Wollen wir wirklich das Aufeinander-Hören fördern, wollen wir eine Atmosphäre des Vertrauens, die uns erlaubt, uns ausdrücken? Sind wir fähig, Konflikte zu managen? Suchen wir nach einer versöhnten Einheit? Sind wir uns bewusst, dass gerade darin die heutige Form der Busse besteht, eine wahres Bedürfnis nach Umkehr, eine Aszese, die uns aus uns herausgehen lässt?


4.  Wenn wir uns mit diesen vier Prinzipien auf den Weg machen, dann könnte „pace e bene“ mehr sein als ein traditioneller, franziskanischer Gruss. „Pace e bene“ würde zu einem konkreten Beitrag zu einer Welt im Frieden.

5. Abschluss

Ich bin mir sicher, dass die kontemplative Weisheit euch befähigt, dem Charisma in der gesunden Tradition des Ordens treu zu bleiben und euch gleichzeitig der Neuheit und den Anforderungen von heute zu öffnen. Es ist eine grosse Herausforderung, dass wir unsere Identität nicht verlieren und in andauernder Reform leben. Ich bin überzeugt, liebe Schwestern, dass die persönliche Reflexion, ein offener und aufrichtiger Dialog, im gegenseitigen Respekt, in Anhänglichkeit an die Kontemplation, den gemeinsamen Reichtum sichtbar machen und auch die Verschiedenheiten umfassen können, die das Eigene schön machen und das Zeugnis der „comunio“ bekunden, die gelebt wird in Gott. Ich bin mir sicher, dass die Antworten, die ihr der Vorbereitenden Kommission zukommen lässt, eine Dynamik der Erneuerung auslösen werden.

Damit bleibt mir nur, die Gedanken und Absichten der Mutter Gottes anzuvertrauen. Sie soll euch helfen, das Bessere für euer Leben zu erkennen, so wie der Geist des Evangeliums es in Wahrheit und Liebe will.

Ich rufe auf euch und auf jede eurer Gemeinschaften die Gabe der Unterscheidung herab. Sie ist die reife Frucht des Geistes in uns, denn „ihr seid vermählt dem Heiligen Geist“ (Heiliger Franziskus, Lebensform für die Heilige Klara 1); sicher wir euer Bräutigam mit euch sein!

Mit brüderlichem Gruss

Br. Mauro Jöhri
Generalminister OFMCap